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Interview: Roger Schneider

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Du kommst ursprünglich vom Inline-Skating, und du warst ein Topathlet in der Schweizer Szene. Dein Fokus liegt heute beim Eisschnelllauf. Was hat dich zu diesem Wechsel bewogen?
Ich liess mich da vom erfolgreichen amerikanischen Speedskater Chad Hedrick inspirieren. Dieser fing ja auch als Inliner an und begann im Vorfeld der Olympischen Winterspielen in Turin intensiv als Eisschnellläufer zu trainieren. In Turin holte er dann drei Medaillen. Von mir selber wusste ich immer, dass ich im Zeitfahren stark bin.

Gibt es viele Inliner, die zum Eisschnelllauf wechseln?
Es gibt weltweit im Moment vielleicht fünf Athleten, die so gewechselt haben. Persönlich hat mich der französische Inline-Kollege Tristan Loy in die Eisschnelllauf-Hochburg Heerenveen in Holland hineingebracht. Eines Tages rief er mich an und sagte: «Du musst unbedingt nach Holland kommen, das hier wird dir total gefallen.»

Was sind die Unterschiede zwischen Rollen und Kufen? War die Umstellung gross?
Vom Bewegungsablauf sehen sich Inline und Eisschnelllauf sehr ähnlich. Zu Beginn nahm ich auch keine wesentlichen Unterschiede in der Lauftechnik wahr. Erst durch die gezielte Fehleranalyse stellten mein Trainer und ich mehr und mehr fest, dass beim Eisschnelllaufen die Muskeln in gewissen Bewegungen anders eingesetzt werden.
Die grössere Herausforderung ist für mich die saisonale Umstellung. Beim Inline finden die Rennen jeweils zwischen Mai und Juli und im Winter der körperliche Aufbau statt. Beim Eisschnelllauf ist es genau umgekehrt: Da muss ich von November bis Februar die Höchstleistungen bringen. Was mir dabei zu schaffen macht, ist die kalte Luft, in der ich mich bewege. Man kämpft andauernd mit chronischen Erkältungen.

Wie gestalten sich deine Trainings in den USA?
Ich trainiere hauptsächlich in Boston und arbeite dort eng mit Bob Cooley zusammen. Er hat eine spezielle Stretching-Technik entwickelt, die die Flexibilität und Leistung der Muskeln enorm erhöht. Andererseits analysiert er seine Klienten sehr genau und sieht schnell, was im Training falsch läuft. Von ihm konnte ich unglaublich viel lernen, mehr als von all meinen früheren Trainern zusammen.

Wie bist du auf Cooley gestossen?
Viele Eisschnellläufer trainieren wie wahnsinnig, dass sie möglichst tief «sitzen» und dadurch stärker abstosse können. Auch ich zwang mich zu diesem tiefen «sitzen», kämpfte aber unheimlich mit der Übersäuerung in den Beinen. Zusammen mit einem Trainingskollegen suchten wir schliesslich Rat bei Cooley.

Wie häufig trainierst du im Sommer auf dem Eis?
Jetzt im Sommer achte ich darauf, dass ich mindestens einmal in der Woche auf dem Eis stehe. Viel ist das nicht, aber wichtig für das Gefühl auf den Kufen und dem Eis. Andererseits trainiere ich wieder häufiger auf den Inline-Skates. Bei Wind und Wetter gibt mir das eine Ausdauer, die ich mir auf dem Eis nicht antrainieren kann. Vier bis fünf Mal die Woche bin ich bis zu 140 km auf den Inline-Skates unterwegs. Dazu kommen jede Woche ca. 5 Stunden Training mit Radfahren sowie 2 Stunden Lauftraining.

Welche Qualitäten sind bei einem Langstrecken-Eisschnellläufer gefordert?
Die Langstrecken sind mental anspruchsvoll. Man muss seine Grenzen genau kennen und die Kräfte genau einteilen. In den ersten 10 Runden hast du dein konstantes Tempo. Ziel ist es, jede Runde in der vorgesehen Zeit zu laufen. In dieser Phase des Rennens bist du hauptsächlich auf dich selber fokussiert, behältst deinen Bahn-Gegner aber stets im Auge, dass er sich nicht zu weit entfernen kann. Andererseits heisst es cool bleiben, wenn dieser jeweils auf der Innenbahn an dir vorbei saust. Der eigentliche Zweikampf spielt sich dann in den letzten drei Runden ab. Die entscheidende Phase im Rennen.

Wie siehst du die aktuelle Situation des Schweizer Eisschnelllaufs, auch in Hinblick des Nachwuchses?
Gerade im meinem Club, dem EC Zürich, ist die Situation momentan sehr erfreulich mit Nachwuchsläufern wie Christan Oberbichler oder Kaithly McGregor. Ich habe die Beiden im vergangenen Winter an Rennen gesehen. Sie liefen tolle Zeiten und sind technisch bereits auf beachtlichem Niveau.

Siehst du dich als Vorbild für die Junioren-Läufer?
Christan hat mich über 500-Meter bereits geschlagen. Da ist die Situation jetzt eher umgekehrt (lacht). Ich finde es toll, dass solche Erfolge in der Schweiz möglich sind, wo wir hier ja keine gedeckte 400-Meter-Bahn haben. Das meine ich als grosses Kompliment an die jungen Athleten und an Brigitte Riesen, die viel in den Nachwuchs investiert.

Wie hat sich deine Situation verändert, seitdem du als möglicher Olympia-Kandidat gehandelt wirst?
Mit Sponsoren läuft im Moment leider noch nicht viel mehr. Dafür unterstützt mich der Verband heute sehr. Auch bei Swiss Olympic nimmt man mich mittlerweile wahr und ich hoffe, dass ich dort in den Pool der Top-Athleten aufgenommen werde.

Wie sieht grundsätzlich deine finanzielle Situation aus.
Im Moment erhalte ich von der Zürcher Organisation Sport Heart und von meinem Sponsor Karl Storz finanzielle Unterstützung, allem voran aber auch von meinen Eltern.

Was hast du dir als Ziel für Vancouver vorgenommen?
Viel. Im Moment will ich mich optimal für dieses Ereignis vorbereiten und vorerst die definitive Selektion schaffen.

Wo siehst du dich nach Vancouver?
Ich möchte als Eisschnellläufer weitermachen, sicherlich nochmals für weitere vier Jahre.

 

Nachtrag:
Der Bostoner Trainer Bob Cooley hat diverse unkonventionelle Krafttraining- und Stretching-Programme entwickelt, die auf der Balance und Flexibilität der einzelnen Muskelgruppen im Körper basieren. Auf seine Programme schwören u. a. die Schwimmerin Dara Torres, der Eisschnellläufer Eric Flaim aber auch NBA-Basketballer.

Der Texaner Chad Hedrick (geb. 1977) gilt als erfolgreichster Speedskater aller Zeiten. Der 50-fache Speedskating-Weltmeister wechselte 2002 zum Eisschnelllauf, um an Olympischen Spielen teilnehmen zu können. In Turin gewann er Gold über 5000 Meter sowie Silber und Bronze  über 10’000 bzw. 1500 Meter.